Das fehlende Puzzleteil

01.12.2017 | GwiRb | 0 Kommentare

Hallo, ich heiße Sonja Schubert, bin am 04.06.1988 geboren und bei mir fehlt seit Juni 2010 ein wichtiges Puzzleteilchen im Rückenmark. Genauer gesagt habe ich nach einem Unfall beim Inline Skaten einen inkompletten Querschnitt auf der Höhe des 12. Brustwirbels. Dieser Unfall hat mich mit 22 Jahren völlig aus dem Leben gerissen. Wem würde das nicht so gehen!? Zu dieser Zeit war ich von Beruf Industriemechanikerin und wohnte zusammen mit meinem Partner in einem alten denkmalgeschützten Haus zur Miete. Als Fußgänger ist das ja alles kein Problem, mit vier Rollen unter dem Hintern schon.

Ich wurde in der Uniklinik Würzburg erstversorgt, kam nach wenigen Tagen in die BG-Klinik Murnau und danach zur Anschlussheilbehandlung nach Bad Wildbad in den Schwarzwald. In Murnau war ich auf der Station 62 und habe Bogenschießen ausprobiert sowie Rollstuhlbasketball gespielt. Bogenschießen war nicht so meins, aber Basketball im Rolli hatte es mir dafür umso angetan. Ich hatte früher als Kind schon einen Basketballkorb bei meinen Eltern im Hof, wo ich mit Freunden oder meinem Cousin gerne gespielt habe. Nach dem Unfall war natürlich nichts wie zuvor. Ich hatte Selbstzweifel und fand mich nicht mehr attraktiv, begehrenswert oder sexy.

Ich probiere mehr Sportarten als vor dem Unfall aus

Mittlerweile ist es so, dass ich mich jetzt mit meiner Lähmung über jede Aktivität doppelt freue, da ich merke, dass ich doch nicht so anders bin und manche Dinge ganz normal oder mit ein paar Hilfsmitteln tun kann. Ich probiere mehr Sportarten als vor dem Unfall aus. Ich will wissen, wo meine Grenzen sind und bin grundsätzlich neugierig. Neben den bereits genannten Sportarten habe ich bis heute zwei Tauchscheine gemacht, eine Tischtennisplatte gekauft, mir ein dreirädriges,  schnittiges E-Liegebike zugelegt und dieses Jahr auf der Rehacare erstmals WCMX ausprobiert. Obwohl meine Verletzung damals eben genau beim Skaten passiert ist, habe ich mich meiner Angst gestellt und mir hat es nach kurzer Zeit wieder richtig Spaß gemacht.

Ich bin überzeugt davon, dass Sport einem in einer solchen Lage (Unfall, Krankheit etc.) entscheidend weiterhelfen kann. Ich sehe es immer bei mir, wenn ich zum Training der Rollibasketballer in Schweinfurt gehe. Dann treffe ich nette Leute, die auch eine Behinderung und somit ähnliche Probleme haben. Das hilft beispielsweise bei der Beantragung von Leistungen bei einem Kostenträger oder anderen Alltagsproblemen. Außerdem kann ich mich dort wunderbar auspowern. Also zwei Fliegen mit einer Klappe! Genauso ist es in der stationären Reha in Bad Wildbad. Wir RollifahrerInnen sind wie eine große Familie. Wenn ich zur Reha dorthin darf, tut das nicht nur meinem Körper sehr gut, sondern auch meiner Seele. So ein Aufenthalt gibt mir Halt. Das Sitzen im Rolli und das Laufen an Stützen ist nicht mehr ganz so schlimm und abnormal wie am Anfang, da wir ja alle unser Päckchen zu tragen haben.

Mein Tipp an euch: bleibt immer schön neugierig, probiert neue Dinge aus und bleibt unbedingt am Ball, wenn euch etwas Spaß macht. Rolli hin oder her.

 

Wer wie Sonja auch von seinem Werdegang berichten möchte, schreibt einfach eine E-Mail an: henning.schulze@rollstuhlsport.de

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