"Wir befinden uns in einem Transformationsprozess"

31.01.2017 | GwiRb | 0 Kommentare

Freitag, der 13. Im Januar 2017. Sturmtief 'Egon' fegt über Deutschland und sorgt für Unwetter. Das Wetter könnte sinnbindlich für das Ringen um das Bundesteilhabegesetz des vergangenen Jahres stehen. Das zweite Interview unserer Reihe 'Sport und Inklusion' verläuft allerdings ruhig und sachlich. Rollstuhlcurlerin Heike Melchior interviewte im Rathaus zu Gießen Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD-Landesvorsitzender in Hessen sowie stellvertretender Vorsitzender auf Bundesebene.

Herr Schäfer-Gümbel, heute schon was ins Rollen gebracht?

Nicht im wörtlichen Sinne, aber ich habe heute Morgen zwei große Auslandsreisen vorbereitet, bei denen ich hoffe, etwas in Bewegung zu setzen. Es geht nach Griechenland und nach Genf zu Fragen der internationalen Handelsbeziehungen.

Der Tag ist ja noch jung. Das Jahr allerdings auch, also lassen Sie uns noch kurz zurückblicken: 2016 fanden die Paralympischen Spiele in Rio statt. Der Hessische Behinderten- und Rehabilitationssportverband stellte das drittgrößte Kontingent an Sportlern innerhalb der deutschen Mannschaft. Wie haben Sie die Spiele erlebt?

Ich verfolge die Paralympics seit vielen Jahren, weil es mich einfach fasziniert. Außerdem kenne ich Rollstuhlbasketballerin Gesche Schünemann persönlich. Mit ihr hatte ich während der Spiele mehrmals Kontakt per WhatsApp und habe mich sehr über die Silbermedaille des Teams gefreut. Ich fand es übrigens ein echtes Trauerspiel seitens des IOC, die Paralympics in Rio nicht einmal zu erwähnen.

Was kann die Politik tun, um den viel beschworenen Schwung aus solchen Großveranstaltungen mitzunehmen?

Das ist eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist und sich bei  ganz vielen Dingen beobachten lässt. Wie überträgt man wunderbare Einzelereignisse in den Alltag? Die Politik kann vor allem durch eine entsprechende  Gesetzgebung unterstützen. Beim Thema Barrierefreiheit unternehmen wir regelmäßig Anläufe, beispielsweise die Hessische Bauordnung zu verändern. Ich versuche das auch immer wieder öffentlich zu benennen, z.B. in Gesprächen mit Sozialverbänden. Das mache ich aus persönlicher Überzeugung, denn die Sensibilität für diese Themen abseits der großen Sportereignisse nimmt leider jedes Mal viel zu schnell wieder ab.

Aus meiner Sicht wäre eine größere mediale Plattform für den Behindertensport wünschenswert.

Eindeutig. Im Hessischen Landtag habe ich eine Initiative zur Gründung eines Fanclubs des Hessischen Basketballsports ergriffen und Rollstuhlbasketball von Anfang an mit einbezogen. Das ist natürlich nur ein klitzekleiner Baustein, aber von denen brauchen wir einfach mehr.

7 Athleten kamen von den Rollstuhlbasketballern des RSV Lahn-Dill. Sie sind bekennender Fan der Mannschaft und dieser Sportart. Was macht die Faszination für sie dabei aus?

Mich faszinieren Mannschaftssportarten insgesamt. Ich bin ein großer Fußball- und Basketballfan. Beim Rollstuhlbasketball kommt dazu noch die besondere Herausforderung des Handicaps. Ich finde den Sport noch dynamischer als die Fußgängervariante. Und dazu dann noch die inklusive Ausrichtung der Mannschaft!

Beim Rollstuhlcurling, wie bei uns bei Eintracht Frankfurt, ist die Inklusion von Fußgängern auch unproblematisch. Wir haben bei uns auch Menschen mit Hörbehinderung dabei, wo man hinsichtlich der Kommunikation Probleme erwarten könnte. Es ist aber erstaunlich, wie unkompliziert manche Dinge sind, wenn man sich mit ihnen auseinandersetzt. Warum funktioniert dieses Prinzip in Hessen dann nicht flächendeckend? Entsprechende Angebote gibt es leider nur vereinzelt.

Der Weg zu Barrierefreiheit und Integration ist ein weiter, weil er mit Investitionen verbunden ist. Deswegen sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen so wichtig. Die US-Amerikaner haben beispielsweise vor langer Zeit beschlossen, dass alle Verkehrswege etc. barrierefrei gestaltet werden müssen und das dann auch durchgezogen. Ohne diese Verbindlichkeit wird das bei uns aber wahrscheinlich noch länger nicht der Standard sein.

Vielen Sportvereinen und Sportinteressierten fehlt oftmals noch die kommunikative Basis. So wurde ich auf der REHACARE darauf angesprochen, dass z.B. jemand gerne Rollstuhltischtennis oder -badminton spielen möchte und nicht weiß, wo, wenn der DRS kein Angebot direkt vor der Haustür anbieten kann. Wie können wir hier besser werden?

Inklusive Angebote sind bei entsprechenden Voraussetzungen wie einer barrierefreien Sporthalle problemlos umzusetzen. Es gibt sicher Vereine, die das nicht erkennen. Ich bin gerne bereit mit Ihnen in Hessen in dieser Richtung etwas anzuschieben.

2017 ist ein großes Wahljahr. Das Thema Inklusion wird die Bundestagswahl sicher nicht entscheiden. Zahlen zeigen sogar, dass die Wahlbeteiligung unter Menschen mit Behinderung deutlich geringer ist. Woran liegt das?

Das höre ich zugegeben zum ersten Mal. In der Sache kann ich mir es zunächst nicht erklären. Beim Thema Inklusion geht es ja schließlich viel um politische Rahmenbedingungen. Daher überrascht mich das.

In meiner Arbeit als Betreuerin für Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung erlebe ich, dass manche Wahllokale schon nicht barrierefrei zugänglich sind. Außerdem sind das Prozedere der Wahl und die Parteiprogramme für einige schlicht zu kompliziert.

Bei der vergangenen hessischen Landtagswahl haben wir als SPD unser Wahlprogramm auch in einfacher Sprache verfasst. Das werden wir beibehalten und auch für die nächste Landtagswahl anbieten. Und vielleicht ist dieser Ansatz noch zu wenig, was wiederum eine Begründung für die geringere Wahlbeteiligung sein könnte.

Ohne meinen Hinweis wüssten meine Betreuten häufig gar nicht von diesen Unterlagen. Das müsste besser kommuniziert werden.

Das ist ein guter Einwand. Wir nehmen das auf und werden versuchen, die einzelnen Ortsvereine und Kommunen dazu anzuhalten, besser auf diese Materialien hinzuweisen. Das ist ja eigentlich relativ einfach und sollte einen entsprechenden Effekt haben.

Karl Finke, ehemaliger Behindertenbeauftragter Niedersachsens, brachte diesbezüglich vor einigen Jahren eine Quote ins Gespräch. Jeder zehnte Listenplatz soll für Menschen mit Behinderung reserviert werden. Dieser Vorschlag stieß auch in der SPD auf wenig Gegenliebe. Zu Recht?

Quoten sind immer das letzte Hilfsmittel. Es ist wünschenswert, Menschen mit Behinderung mehr in den politischen Prozess einzubeziehen. Mit der Behindertenbeauftragten Verena Bentele funktioniert das auf Bundesebene aktuell ganz wunderbar, aber jemanden mit diesem Format haben sie eben leider nicht immer. Die Beteiligung ist aber insgesamt zu gering.

Auch in vielen Behindertenverbänden, egal ob Sport oder nicht, sind Menschen ohne Behinderung in leitenden Positionen tätig. Ich frage mich da schon, ob Teilhabe überhaupt erwünscht ist.

Wir befinden uns ganz klar in einem Transformationsprozess. Die Inklusionspolitik hat sich in den letzten Jahren massiv weiterentwickelt. Die Lebenshilfe wurde beispielsweise von Betroffenen, in dem Fall Eltern, gegründet. Diese haben stellvertretend versucht, Rahmenbedingungen zu verändern. Je stärker wir jetzt diese Betroffenen mit einbeziehen, desto stärker werden sie auch Rollen übernehmen. Warum machen Sie eigentlich keine Politik?

Gute Frage! Aktuell ist mein Kalender prall gefüllt. Meine Arbeit, mein ehrenamtliches Engagement und dazu dann noch das Curling füllen mich gut aus. Sollte ich nach den Paralympics einen Schlussstrich unter meine sportliche Karriere ziehen, denke ich über einen Ersatz dafür nach.

Dann komme ich in gut einem Jahr auf Sie zurück.

Ich bin auch bezogen auf meine Arbeit als pädagogische Betreuerin sehr gespannt, welche Entwicklung sie nehmen wird. Soll es in Zukunft noch Förderschulen, Wohnheime und Werkstätten für Menschen mit Behinderung geben? Wo geht die Reise aus Ihrer Sicht hin?

Ich glaube, dass wir auch zukünftig noch Einrichtungen wie Heime für betreutes Wohnen und Förderschulen haben werden. Aber diese werden sich verändern und sie werden weniger werden. Denn der persönliche Anspruch auf individuelle Teilhabe ist richtig, wichtig und notwendig. Am Beispiel der Regelintegration in Kindergärten sehen wir, dass es überwiegend funktioniert, aber wir sehen auch die Grenzen. Deswegen gibt es auch in diesem Bereich noch einige Einrichtungen, weil bei gewissen Behinderungen einfach eine entsprechende Fachlichkeit und Begleitung vorausgesetzt werden müssen, um ein möglichst gutes Leben gewährleisten zu können.

Das Bundesteilhabegesetz war 2016 überfällig. Betroffene waren mit dem Beschluss letztendlich unzufrieden. Auch ich sehe manches kritisch und bin besorgt. Sie auch?

Bei der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes werden wir noch eine ganze Menge an Nachbesserungen erleben. Ganz einfach deshalb, weil es ein lernendes System ist, wo wir Schritt für Schritt herausfinden müssen, was funktioniert und was funktioniert nicht. Eine so große Reform hat immer Probleme, aber die Richtung stimmt und darüber sind wir uns sicher einig. Den Unmut aus Kreisen der Betroffenen kann ich durchaus nachvollziehen, bitte an dieser Stelle aber noch um etwas Geduld. Mein Wunsch ist, dass wir uns das erst mal nach einem halben Jahr anschauen und dann die nächsten Schritte entscheiden. 

Mit Hinblick auf eine vollständige Inklusion müssten an inklusiven Ganztagsschulen auch alle Sportangebote inklusiv gestaltet werden. Für Vereine ist das eine große Herausforderung. Stichwort Hallenkapazitäten. Begegnet Ihnen dieses Spannungsfeld bei Ihrer Arbeit?

Natürlich begegnet es mir, aber Sowohl in meiner politischen Rolle als auch als Elternteil antworte ich mit dem Hinweis: Mir geht es um ein anderes Verständnis von Lernen. In Rheinland-Pfalz gibt es fest geschriebene Vereinbarungen zwischen Schulen, Sport- und Musikverbänden hinsichtlich der Verteilung und Organisationen von kulturellen und bildungspolitischen Angeboten. Das sollte der Standard sein und am Ende eine Frage von offener Kommunikation und professioneller Organisation.

Kommen wir nochmal auf die Olympischen & Paralympischen Spiele vom Anfang zurück. Die Übertragungsrechte von 2018 bis 2024 konnten sich ARD und ZDF nicht sichern. Dr. Rolf Müller, Präsident des LSB Hessen, forderte daher Teile des eingesparten Geldes in Berichterstattung über Randsportarten zu investieren. Dazu zähle ich jetzt auch mal den Behindertensport. Eine gute Idee?

Der Kollege Müller sitzt mir im Rundfunkrat gegenüber. Er hat ein Gefühl dafür, über welche finanziellen Dimensionen wir hier sprechen. Angesichts der finanziellen Herausforderungen des Öffentlichen Rundfunks halte ich den Vorschlag für schwer umsetzbar. Unabhängig davon müssen wir über die programmliche  Ausrichtung im Bereich Sport reden. Mehr Vielfalt ist wünschenswert, aber in den Gremien bekommt man die Quote einfach als das Dominierende bei der Berichterstattung entgegengehalten. Auch beim Fußball wird irgendwann eine Grenze erreicht sein. Ich finde, sie ist bereits überschritten. 

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie wollten früher gerne mal mit Jodie Foster oder Barack Obama ein Bier trinken gehen. Hat eines davon schon geklappt?

Leider nicht. Mit Xi Jinping, dem chinesischen Staatspräsidenten, habe ich schon mal einen Tee getrunken, aber das ist nicht ganz vergleichbar. (lacht)

Barack Obama hat jetzt ja vielleicht etwas mehr Zeit. Vielen Dank, Herr Schäfer-Gümbel

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