Versuch's doch mal mit Skifahren!

14.07.2018 | GwiRb | 1 Kommentar

"Ich hab gesehen, es gibt die Möglichkeit für Rollstuhlfahrer Ski zu fahren, Monoski oder so."
"Auch im Rollstuhl kann man tanzen. Komm, ich zeig dir den Walzer."
"Du kannst wieder reiten, das ist ganz leicht möglich. Da wirst du mit einem Lift auf ein Pferd gesetzt und los geht's."

...

Zunächst bin ich ja schonmal dankbar, wenn Leute wissen, dass Sport auch im Rollstuhl und mit Querschnitt möglich ist. 

ABER. Aber. ABERR!

Es ist nicht das Gleiche. Und es nervt so unendlich, wenn Leute die keine bzw. wenig Ahnung haben Ratschläge erteilen. Mich nervt ja soweiso, wenn Leute zu wissen glauben, was das beste für mich ist. Vorschläge: gerne! Vorschriften: nicht bei mir!

Ich habe Skifahren geliebt. Und ich würde es immer wieder tun. Ich habe das Gefühl von Schnee unter den Skiern geliebt. Die Berge. Und bis dahin wäre es vermutlich dasselbe beim Monoski. Aber noch mehr habe ich das Gefühl von Freiheit geliebt. Die Geschwindigkeit. Das Gefühl, wenn die Ski unter den Füßen in scharfen Kurven vibrieren. Den Schnee in den Kurven aufschleudern. Das selbstständige Entscheiden, wo ich lang fahre. 

Und jetzt zum Monoski: festgegurtet auf einen Schlitten, weil ich das Gleichgewicht nicht halten kann. Ständig jemand hinter mir, der mich hält, der mich lenkt, der entscheidet, wo es lang geht. Ständig Angst, weil du NICHTS kontrollieren kannst. Ständig Angst umzufallen, weil du keine Kontrolle hast. Abhängig sein. Ist das Sport?

Merkt ihr was? Es gibt die Möglichkeit, ja. Aber es wäre etwas komplett anderes. Für mich persönlich. 

Selbstschutz vor den Erinnerungen von früher

Natürlich werde ich es versuchen. Weil ich die Berge liebe und den Schnee. Und wenigstens einen Bruchteil davon zurück haben will, was ich so geliebt habe. Und ich bin sicher, dass es Spaß machen wird. Ich werde voller Adrenalin und glücklich sein. Aber bei jedem einzelnen Skiausflug als Fußgängerin werde ich glücklicher gewesen sein. Freiheit. Ich wäre glücklich, aber umso trauriger wäre ich auch. Weil ich mich daran erinnern werde, wie es früher war. Und ich als alter Verdränger vermeide solche Situationen liebend gern. Selbstschutz.

Also nicht: Es gibt die Möglichkeit! Mach das. Wie wärs mit: Hast du Lust drauf? Ich sag doch auch nicht: Hast du gehört? Man kann Leichtathletik turnen. Mach das doch.

Gleiches Spiel: Reiten. Ich kann mich auf ein Pferd setzen lassen. Ja. Ich werde immer jemanden hinter mir haben müssen, der mich hält. Werde nie Schenkelhilfen geben und entscheiden, wo es lang geht. Werde nie ohne die ständige Angst herunterzufallen sitzen, weil ich mich nicht halten kann. Werde das Pferd nicht unter mir spüren. Auf ein Pferd setzen werde ich mich trotzdem wieder. Ebenfalls um ein kleines Stück vom alten Glück zu empfinden. Und weil es für Spastik und Stabilität gut ist. Aber es wäre nicht mehr das Reiten, das ich kenne.

Auch Tanzen hat mir früher Spaß gemacht. Tanzen im Rollstuhl hab ich versucht, aber es macht mir null Spaß. Warum zwanghaft das alte Leben zurück wollen? Es gibt anderes. 

Ich entscheide selbst

Rugby zum Beispiel. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, als Fußgängerin Rugby zu spielen! Ich kenne keine einzige Regel, hab noch nie ein Spiel gesehen. Aber Rollstuhlrugby ist geil. Es geht um Taktik, Teamfähigkeit, Überblick. Selbst entscheiden können, wohin man fährt. Wo man sich nützlich machen kann. Sich verausgaben. Das ist geil! Rollstuhlrugby ist nicht wie Fußgängerrugby. Und das ist gut, das macht mir Spaß. Das will ich.

Ich bin früher nur Fahrrad gefahren, wenn ich wohin musste. Mit meinem Hund unterwegs war. Nie als Sport. Jetzt fahre ich Handbike. Und es ist das geilste Gefühl. Und das ist vergleichbar mit Joggen. Man verausgabt sich, ich bin unabhängig und entscheide, wo ich hinfahre. Das macht mir Spaß. Nur weil du als Fußgänger einen Sport gemacht hast, heißt das nicht, dass dir das Gleichnamige als Rollstuhlfahrer Spaß macht. Natürlich kommt das häufig vor. Und für viele ist das Skifahren als Fußgänger und das Monoski gleichgesetzt. Jemand, der nie Skigefahren ist, findet vielleicht gefallen am Monoski fahren. Aber ich eben nicht.

Ich entscheide selbst, was mir Spaß macht. Mich nervt es, wenn Leute mich in etwas stecken wollen, nur weil es mir als Fußgängerin Spaß gemacht hat. Es ist anstrengend daher werdet ihr zumeist von mir als Antwort auf eine der eingangs erwähnten Fragen hören: "Ja, hab ich gehört. Macht bestimmt genauso viel Spaß. Werde ich versuchen."

 

Amelie Ebner, geboren 1996, hatte im Februar 2013, mit 17 Jahren, einen Ski-Unfall. Seitdem ist sie vom sechsten Halswirbel abwärts querschnittgelähmt. Nach einer langen Phase der Rehabilitation kehrt sie nach Hause zurück. Als junge Frau lernt sie, wie man den Alltag mit einer Behinderung meistert. 2016 hat sie die Abiturprüfungen abgelegt und ein Jurastudium aufgenommen. Mit ihrer Familie wohnt sie im Norden Münchens. Amelie schreibt einen Blog, der Leser/innen in ganz Deutschland findet und aus welchem auch dieser Beitrag stammt: https://zweiterfebruar.blogspot.com/

Kommentare

  • Sonja Schubert 13.07.2018 18:37

    Hi Amelie,
    super Text! Ich finde solche Bevormundungen und Ratschläge (manchmal sind es echte Schläge) auch total ätzend, besonders von Fußgängern. Ich finde, man weiß selbst am besten, was man machen kann, was einem liegt bzw. Spaß macht. Liebe Grüße, Sonja

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